KFZ-Sachverständiger in Göttingen

Wissenswertes

Sind automatisierte Gutachten zulässig?


Unter Ausnutzung von Bilderkennung und künstlicher Intelligenz können jetzt angeblich Schäden auch vollautomatisch erfasst und die Reparaturkosten kalkuliert werden. Ein Gutachten ohne einen Sachver­ständigen? Es stellt sich die Frage, ob dies rechtlich zulässig ist.

 

 

 

RECHTSANWALT UND FACHANWALT FÜR VERKEHRSRECHT, MATTHIAS NICKEL, MAYEN, WWW.RAE-MAYEN.DE

Seit Jahren wird versucht, den Schadenabwicklungsprozess zu automatisieren, um ihn zu be­schleunigen  und  Kosten zu sparen. Gemäß der Pressemitteilung eines Dienstleisters ist es durch Bild­erkennung möglich, Schäden auto­matisiert zu bearbeiten. Anhand tausender Bilder hätten es die Com­puter gelernt, die Schäden selbst zu erkennen und die Reparaturkosten zu kalkulieren. Gehört der Sachverstän­dige, der ein Fahrzeug in Augen­schein nimmt, damit der Vergangen­heit an? Wie ist die Rechtslage?

Beim Haftpflichtschaden ist der Geschädigte nach § 249 BGB dazu ver­pflichtet, die Höhe seiner Reparatur­aufwendungen gegenüber dem Ver­sicherer zu belegen. Um diesen Nach­weis zu erhalten, legt der Geschädig­te meist ein Gutachten vor. Die dafür entstehenden Kosten kann er vom Versicherer ersetzt verlangen. Der Geschädigte hat dabei im Haftpflicht­fall die freie Wahl, ob er sich auf ei­nen Gutachter, den der Versicherer vorschlägt, verlässt oder ob er den Gutachter seiner Wahl beauftragt. Wenn der Geschädigte in einem Haft­pflichtfall daher den Sachverständi­gen seines Vertrauens beauftragen will, so wird dieses Gutachten Grund­lage der Schadenermittlung sein.

Im Kaskofall sieht die Rechtslage etwas anders aus. Korrespondierend mit der Bestimmung in § 85 Abs. 2 VVG regeln die AKB, dass Sachverständigenkosten im Kaskofall nur dann zu regulieren sind, wenn der Versicherer das Gutachten in Auftrag gegeben hat oder der Beauftragung zugestimmt hat. In Kaskofällen kann also der Versicherer durchaus den Schaden auch automatisiert begut­achten lassen.­

Gerichte sind skeptisch

Wenn der  Versicherungsnehmer im Kaskofall jedoch mit der Scha­denermittlung durch das „automati­sierte Gutachten" nicht einverstan­den ist, so kann er dagegen vorgehen. Letzten Endes würde dann also ein Gericht eine Entscheidung treffen und sich dabei ganz gewiss auf einen externen Gutachter berufen wollen. Dass sic h ein Gericht zu einer Be­weisaufnahme auf ein solches auto­matisiertes Gutachten verlässt, kann ausgeschlossen werden. Anders als im Bereich der außergerichtlichen Gutachten (so genannte Privatgut­achten) gibt es für die Erhebung durch Sachverständigenbeweis in der Zivilprozessordnung genaue Rege­lungen. Die Regelungen nach § 402 ff. lassen es nicht zu, auf eine automatisierte Überprüfung abzustellen, sodass es im gerichtlichen Verfahren immer den Sachverständigen geben wird, der persönlich tätig wird und das Gutachten erstellt.

Vor einigen Jahren waren einige Anbieter aufgetreten, die sogenann­te Tele-Gutachten erstellten. Dabei wurde der Schaden gefilmt oder fo­tografiert, und ein Sachverständi­ger, der nicht vor Ort war, hat daraufhin das Gutachten er­stellt. Die Gerichte waren bereits seinerzeit solchen Gut­achten gegenüber äußerst skeptisch eingestellt. Inso­weit ist zu verweisen auf die Entscheidungen des Amtsge­richts Freudenstadt (4 C 607/11) und des Amtsgerichts Dachau (3 C 1146/10). Die Gerichte stellten klar, dass eine persön­liche Begutach­tung  durch  ei­nen Sachverständigen un­umgänglich ist, um ver­deckte Vor­schäden er­kennen zu können.

(Quelle: Fahrzeug + Karosserie, Ausgabe 7, 2017, S. 63)